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Nachwuchs-Leistungszentrum – ja, aber wann?

 

Interview mit Christian Titz (U17 Trainer HSV)  –  03.01.2016, 09:09 Uhr | t-online.de

 

2014-03-30 09.29.53-1Immer früher geht heute die Jagd auf die Talente los.

 

In ausverkauften Stadien spielen, Autogramme schreiben, mit Fußball Geld verdienen. Den Traum von einer Karriere als Bundesliga-Profi hat wohl fast jeder Junge – und auch immer mehr Mädchen – schon einmal geträumt. Talente gibt es viele, der Sprung vom Bolzplatz in die großen Arenen gelingt aber nur sehr wenigen.

 

Ein Schritt auf dem Weg zum Berufsfußballer ist die Aufnahme in eines der Nachwuchs-Leistungszentren, die sich um die Ausbildung kümmern. Doch wann ist der richtige Zeitpunkt dafür? Sollten Kinder frühzeitig ihren Fokus auf den Fußball richten – oder ist das soziale Umfeld wichtiger?

 

christian_titzEiner, der sich seit Jahren mit diesen Fragen beschäftigt, ist Fußballlehrer Christian Titz. Der 44-Jährige ist U17-Cheftrainer beim HSV und hat im kleinen Verein VfL Vichttal ein Projekt mit talentierten Kids aus der Gegend ins Leben gerufen und ist gleichzeitig Förderer und Berater unserer Regionalkampagne im Hunsrück, dem JFV Rhein-Hunsrück. Den beiden Profis Lewis Holtby und Christoph Moritz steht er noch heute als Individualtrainer zur Seite – und wird auch deshalb immer wieder von Eltern nach Rat gefragt.

 

 

Ausbildung steht an erster Stelle

 

Was tun, wenn ein Angebot eines Nachwuchs-Leistungszentrums kommt? “Man kann diese Frage leider nicht so pauschal beantworten”, sagt Titz. “Es spielen viele Faktoren eine Rolle.”

 

Die Gehälter, die Stars wie Thomas Müller oder Mario Götze einstreichen, sind bekannt. Ein Profivertrag kann heutzutage fast mit einem Lottogewinn gleichgesetzt werden; und das spürt man schon im Jugendbereich. “Man kann es den Eltern deshalb gar nicht verübeln, wenn sie sich für das lukrativste Angebot entscheiden”, so Titz. “Es darf aber nicht der wichtigste Grund sein. Die sportliche, charakterliche und schulische Entwicklung sollten im Vordergrund stehen.“

 

 

Jagd nach Talenten startet immer früher

 

Die Jagd nach den Talenten beginnt mittlerweile nämlich immer früher. Die ambitioniertesten Vereine werben schon in der D-Jugend, also bei den Elf- bis 13-Jährigen, die Besten von kleineren Klubs ab und locken dabei mit allerlei Zusatzdiensten. Abhol-Service, Rundum-Betreuung, Internatsplatz und natürlich die bestmögliche fußballerische Erziehung.

 

“Man darf als Elternteil aber den Gesichtspunkt der Persönlichkeits-Entwicklung nicht vernachlässigen”, sagt Titz. “Der Druck und die zeitliche Extrembelastung auf diese Kinder wächst enorm.” Bis zu fünfmal die Woche Training oder Spiel, eine zeitintensive Anreise – oder eben der Umzug ins Internat und neue Herausforderungen wie Konkurrenzkampf oder Übernahmegespräche können sich auf die schulischen Leistungen oder das Pflegen der sozialen Kontakte auswirken und damit auch auf das eigene Spiel und die Gesamtentwicklung der Persönlichkeit.

 

 

“Leistungszentren als Sprungbrett in den Profibereich”

 

Aber was ist die Alternative, um nicht frühzeitig im Rennen um die wenigen Planstellen in den Kadern der Bundesligisten ins Hintertreffen zu geraten? Gibt es so etwas überhaupt? Ein Spieler wie Miroslav Klose, der seine komplette Jugendzeit bei der SG Blaubach-Diedelkopf (In der Jugend Verbandsliga und Regionalliga) verbrachte, noch als Aktiver in der Bezirksliga kickte und dann im Alter von 21 Jahren plötzlich sein Bundesliga-Debüt feierte und später Weltmeister wurde, gibt es so gut wie nicht mehr. “Die Nachwuchs-Leistungszentren sind das Sprungbrett in den Profibereich”, bestätigt Titz.

 

In Deutschland gibt es 54 solcher Akademien, die vom DFB das Qualitätssiegel Nachwuchs-Leistungszentrum verliehen bekommen haben. Eine Möglichkeit, diesem flächendeckenden Netz zu entkommen, gibt es nicht. Die Scouts kennen jedes Talent vom Torwart bis zum Mittelstürmer, vom Linksaußen bis zum Innenverteidiger. Eine Verpflichtung, beim ersten Anruf sofort den Jugendverein zu verlassen, gibt es laut Titz aber dennoch nicht. “Es muss nicht schädlich sein, etwas länger im gewohnten Umfeld zu bleiben”, sagt er. “Vor allem für Jungs, die spät im Jahr geboren wurden, kann das durchaus ein Vorteil sein.”

 

Dieses zunächst seltsam klingende Argument erscheint nach einem Blick auf die Statistiken durchaus sinnvoll. Denn in den Nachwuchs-Leistungszentren sind es vor allem die Januar, Februar- und März-Kinder, die aufgrund ihrer körperlichen Überlegenheit das Tempo und die Zweikampfhärte vorgeben. Kleinere – aber nicht mindertalentierte Jugendfußballer – können bei diesen Bedingungen schnell ins Hintertreffen geraten und die Lust verlieren.

 

 

Wann ist der richtige Zeitpunkt?

 

“Letztendlich ist dies typenabhängig, bei einem Spieler kann ein Wechsel im Alter von 10 Jahren schon sinnvoll sein, bei anderen erst später. Wenn die zusätzlichen Trainingseinheiten in den DFB-Stützpunkten oder das spielen in einem regional hochklassigen Jugendverein wahrgenommen werden, kann bis zum Ende der C-Jugend auch der Jugendverein ausreichend sein, für manchen sogar noch der jüngere B-Junioren Jahrgang. Manche Kids brauchen diese Entwicklungszeit”, so Titz. “Ab der B-Jugend führt an den Akademien in der Regel aber kein Weg mehr vorbei.”

 

Der zentrale Punkt in der Entscheidungsfindung sei ohnehin die Qualität der Trainer. “Die Coaches müssen die Sprache der Kinder sprechen, aber auch genügend Erfahrung haben”, so Titz. Einen solchen Übungsleiter zu finden, sei selbst in den Nachwuchs-Leistungszentren in den jüngeren Altersstufen nicht immer leicht. Und dann dürfe natürlich die schulische und menschliche Ausbildung nicht vernachlässigt werden. “Denn”, so Titz, “ganz nach oben schaffen es letztlich doch nur die wenigsten.”

 

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